im direkten leistungsvergleich.
rechtzeitig drei tage nach dem jahrestag des attentats
stauffenbergs auf
hitler werden wir stauffenberg im direkten leistungsvergleich mit
che guevara messen. evaluiert wird deren beider ikonisierbarkeit. mit anderen worten: warum hat es che geschafft, sein konterfei auf nahezu jedes zweite t-shirt zu bringen, stauffenberg hingegen nur auf ein paar briefmarken, die längst nicht mehr von briefaufgebenden abgeleckt werden, sondern in den alben weniger briefmarkensammler verstauben?
zunächst ein wenig theorie. was sind
ikonen überhaupt?
unter ikonen werden im folgenden
in massenproduktion hergestellte säkularisierte projektionsflächen, verstanden. die ikone wird in kollektivem bewusstsein von der masse für die masse als teil der masse vereinnahmt.
ikone ist daher in der hier verhandelten begrifflichkeit nicht abbild einer person - wie die ikone in der ostkirche - sondern verdauung von realfiguren in einem künstlerischem akt und kollektive rezeption des verdauten in einem schnellen gemeinsamen verstehen neu geschaffener kunstfiguren durch die masse.

wiewohl realfigur und kunstfigur – hier am beispiel
marylin monroe exemplifiziert – ident scheinen, sind sie es nicht. der künstlerische verdauungsakt ist nicht sichtbar, wohl aber dessen ergebnis im kollektiven bewusstsein nachweisbar.
nach dem film „das verflixte siebente jahr“, aus welchem die szene „marylin über kanalschacht mit flatterndem weisse plisserrock“ stammt, ist marylin ohne weisses plisserröckchen nahezu undenkbar geworden. zur ikonisierung von marylin hat natürlich auch ihr unnachahmlich gehauchtes, weltweit lanzenaufrichtendes “ happy birthday mr.president“ beigetragen.
wenden wir uns aber nun jenen zwei widerstandskämpfern zu, die beide das zeug hatten, ikonen der gesellschaft zu werden. beide waren jung, fesch, charismatisch. beide starben jung und für ihre sache. doch nur einer von beiden sollte das rennen auf millionen von t-shirts, teehäferl, stickers und sonstige devotionalien schaffen!
claus schenk graf von stauffenberg. markante gesichtszüge, dunkle augen. gutes benehmen, beste familiäre herkunft. gepflegtes auftreten. traum jeder schwiegermutter. hatte eier und bot hitler die stirn. tod durch den strang. nach dem missglückten attentat vom 20.juli hatte stauffenberg auch nach seinem tode kein glück: sein leben wurde mit dem amerikanischen „schauspieler“ tom cruise in der hauptrolle verfilmt!den weg auf die t-shirts und teehäferl dieser welt schaffte stauffenberg dennoch nicht. keiner weiß warum. offenbar zählt der prophet /widerstandskämpfer im eigenen land nichts.
lediglich eine briefmarke der
Deutschen Bundespost aus dem jahr 1964 ziert sein konterfei. diese briefmarke kennen aber nur eingeschworenen philatelisten.
von einer ikone stauffenberg kann nicht gesprochen werden!
che guevara, Guerrillero Heroico, nach einer schlägerei im wiener donaupark, im april 2009. beim rennen um die beliebteste widerstandsikone hatte aber che klar die nase vorne! anders als stauffenberg wurde der eher ungepflegte che heiß und millionenfach auf t-shirts zurechtgebügelt.auch che kam aus guten familiären verhältnissen. im persönlichem verkehr soll che aber ungut, arrogant, stur und sich selbst überschätzend gewesen sein. auch soll er sich nicht besonders oft geduscht und von der wirtschaft (mit oder plan) keine ahnung gehabt haben. nach einem harten revolutionsarbeitstag entspannte che sich gerne mit einer guten zigarre bei folterungen und exekutionen seiner gegner. dessen ungeachtet befand vollkommenheitsspezialist
jean-paul sartre(legendär dessen vollkommenzuheitsrausch in
moskau 1953 – 1954) jedoch che als
“den vollkommensten menschen unserer zeit!“
hier das unretuschierte originalbild von
alberto korda aus dem jahr 1960, welches nach seiner erstveröffentlichung im jahr 1967 den ikonisierungsturbo für che zündete.
dieses bild wurde übrigens 2008 in der
wiener galerie WestLicht gemeinsam mit rund 150 anderen che-fotos ausgestellt. die eröffnung fand im beisein von
camillo guevara, einem sohn von che guevara, statt.
1960 wollte kein verlag das bild haben, korda schenkte es dann dem italienischen verleger
feltrinelli, der nach der erschießung von che in
bolivien die visuelle kraft des bildes erkannte (bei einem guten ikonenfoto gehen die sehstrahlen des ikonisierten immer über die des ikonisateurs hinweg!) und es veröffentlichte.
che guevara von gerard malanga, dem lebensabschnittsspezi von andy warhol.gerard kopierte den stil warhols mit dieser fälschung, die nach dem dem zerwürfnis von malanga mit warhol entstand. für die gute sache und eine gute stange geld erklärte warhol jedoch, dass das bild von ihm stamme, was ohnedies niemand glaubte und alles war wieder in butter, auch wenn warhol und malanga weiter getrennte wege gingen.
der
vodka-hersteller smirnoff, der nach seiner fehlgeschlagenen werbekampagne 1999 („a smirnoff a day keeps the doctor away“) es 2000 mit dem che-foto von korda versuchte, ohne allerdings sich die rechte zu sichern, wurde von korda verklagt, korda bekam die lächerliche summe von 50.000 dollar zugesprochen, die dieser zur gänze kubanischen kindern spendete.
zurück zu den ikonisierungen!
ikonisierungen sind immer auch ironsierungen der ikonisierten und ihrer biotope. wer ikonisiert wird, wird auch ironisiert. nach den regeln des guten geschmacks ist nicht jeder ikonisierfähig. so wird es von manchen schon als problematisch angesehen hitler in wort und schrift zu verarschen, so haben wohl die meisten von uns eine sperre, sich viele - in massenproduktion im stile von andy warhol hergestellte - bunte hitlers vorzustellen. auch bei stalin mag eine solche vorstellung auch nicht so wirklich gelingen.

eigenartigerweise haben wir diese sperre bei mao tse-dung nicht, der ja wohl als gleichwertiger zunftkollege stalins und hitlers zu verhandeln ist. andy warhol vervierfacht mao und potenziert ihn als ikone.
worauf beruht die wirkung von ikonisierungen: sie grenzen nicht aus, sie schaffen gemeinsamkeiten zwischen dem ikonisierten und der masse. mao tse-dung ist bunt, exotisch und auf augenhöhe mit [img]marylin%20monroe,%20mick%20jagger,%20che%20guevara[/img]& konsorten. so schlecht kann mao tse-dung also nicht sein. er darf mit aufs boot, hitler & stalin werden vom kollektiv nicht mitgenommen.
stauffenberg aber auch nicht. und das ist das eigentlich erstaunliche.
mir hat diese ostpreußische adelspartie – von denen einige im widerstand gegen hitler waren - waren immer ganz gut gefallen, die
moltkes und die s
chulenburgs, die d
önhoffs, und l
ehndorffs samt ihren gestüten und den von ihnen vertretenen werten. das waren für mich immer menschen mit hohen moralischen ansprüchen an sich und andere. stauffenberg – wiewohl kein
ostpreusse, sondern
schwabe - hat da gut reingepasst.
che hingegen war verwöhnter balg und rüpel. umso erstaunlicher ist seine strahlkraft, die auch heute noch strahlt. stauffenbergs entschluß den putsch zu wagen, ist sicherlich genauso hoch zu würdigen als ches entscheidung mit castro auf cuba die revolution zu probieren. stauffenberg hatte zudem familie. che jede menge frauen und versprengte nachkommen, um die er sich aber nie sonderlich kümmerte, da schnitt er lieber zuckerrohr unter der kubanischen sonne.
in der tat wird die nähe zur ikone und die eignung zur projektionsfläche offenbar erst durch entfernung möglich.
und ich denke, dass eine ikone erst durch visualisierung zu einer ikone wird. und da leistete bei der ikonewerdung ches cordas bild gute dienste. am anfang ist immer das bild und nicht das wort. letztendlich war dieses bild das erste heiligenbildchen der internationalen linken, das nicht aus dem parteiapparat kam, wiewohl
alberto corda durchaus haus- und hofphotograph der kubanischen revolution und ihrer protagonisten war.
zurück zur entfernung: da liegt in der fernen
karibik eine insel, palmen und weißen strand gibt es. ein böser diktator herrscht dort, von den
yankees gestützt. ein paar verwegene rebellen und ein hübsches, natürlich ebenfalls verwegenes mädel aus der berühmten
rumfamilie bacardi stürzen den diktator und bringen den geknechten bauern und arbeitern eine freiheit mit ganz eigener prägung.
commandante che guevara sieht nicht nur gut aus, sondern schreibt auch von der solidarität, die die zärtlichkeit der völker sei und dass man realistische sein und das unmögliche wagen müsse. in der schweinebucht lässt sein revolutionärer spezl
fidel castro die sau raus und vertreibt so die invasionslüsternen
amerikaner & exilkubaner.
einfach schön das alles. und dann kommt auch noch
sartre mit seiner
simone und verleiht che das triple a und zeichnet ihn zum
"vollkommensten menschen unserer zeit" aus.
die
68-er generation hat nicht alles falsch gemacht. die wurzeln von modernen gesellschaftspolitischen strömungen sind im damaligen denken und tun zu finden (friedens-, grün-, frauenbewegung, engagement für promiskuität nicht nur für promis etc.). aber bei ihren linken "heroen" sind sie merwürdig blind. in ganz besonderem ausmaß gilt das bei che. ihm wird alles nachgesehen:
seine brutalität wird als konsequenz gesehen, sein sadismus war damals nicht bekannt, seine heillose überforderung als kubanischer industrieminister macht ihn menschlich sympathisch, seine arroganz wird als gegenüberheblichkeit gegenüber dem kapitalismus verstanden, die schwäche seiner gedichte als zeichen unbändigen freiheitswillen auch in der dichtkunst, die er von jeglichen formenzwang befreit. etc.
che konnte nichts falsch machen, ikonen machen nichts falsch. che war sprachrohr seiner zeit und am stärksten war sein sprachrohr, als er bereits tot war: da funzen projektionen ja bekanntermaßen am besten.
bei stauffenberg griff dies allerdings nicht. wohl hatte auch er sich einen bösen diktator als feind gewählt. doch er hatte - anders als che - kein glück bei dessen beseitigung und auch seine proklamationen waren seiner ikonewerdung auch nicht zuträglich:
"Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge. Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahe bleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Mißgunst überwindet.“da riecht man nicht den wilden duft der revolution, der freiheit und gleichheit, sondern eher etwas anderes. jedenfalls die 68-er-generation konnte man mit solchen sprüchen klarerweise nicht kirre machen.
während che als industrieminister und als mensch versagte, versagte stauffenberg als attentäter. und als ikoneanwärter. geschichte ist manchmal ungerecht.